"Vielleicht sind die genialen Fragen und Aussagen eines Kindes dafür da, mich jeden Tag daran zu erinnern, wie die Welt einmal ausgesehen hat, bevor wir Erwachsenen gelernt haben, sie für selbstverständlich zu halten."
Fast jeden Tag nehme ich mir vor, all die wunderbaren Sätze meiner vierjährigen Tochter aufzuschreiben. Sie überrascht mich täglich mit Gedanken, Fragen und Formulierungen, die so voller Fantasie, Tiefe und Schönheit sind, dass ich oft einfach nur staune. Ich denke dann jedes Mal: Diesen Satz darf ich niemals vergessen. Und doch vergesse ich ihn.
Nicht, weil er unwichtig wäre sondern weil schon in Kürze wieder ein neuer kommt.
Und noch einer.
Es ist, als würde ein Kind in diesem Alter in einer Sprache sprechen, die wir Erwachsenen einmal gekannt, aber längst wieder verlernt haben.
Meine Tochter stellt Fragen, auf die ich oft keine Antwort kenne. Sie entdeckt Zusammenhänge, die ich nie gesehen habe. Sie beschreibt die Welt mit einer Selbstverständlichkeit, die weder angestrengt noch einstudiert ist. Ihre Gedanken entstehen einfach. Sie kommen aus einer Seele, die noch nicht gelernt hat, sich selbst zu zensieren.
Manchmal wünsche ich mir, ich könnte all diese Augenblicke sammeln. Nicht nur in einem Notizbuch, sondern irgendwo an einem Ort, an dem sie niemals verloren gehen. Denn ich ahne, dass ich manche dieser Sätze später nie wieder hören werde.
Ich frage mich oft, wann das eigentlich geschieht.
Wann hört ein Kind auf, so viele Fragen zu stellen?
Wann beginnt es, seine Gedanken für sich zu behalten?
Wann verliert es den Mut, laut über Dinge nachzudenken, die für Erwachsene selbstverständlich geworden sind?
Ich glaube nicht, dass Kinder irgendwann weniger intelligent werden. Im Gegenteil. Ich glaube, sie lernen mit der Zeit, dass nicht jede Frage willkommen ist. Dass manche Gedanken belächelt werden. Dass man vorsichtig sein muss, um nicht als naiv oder seltsam zu gelten. Und so verstummen nach und nach genau jene Fragen, die einmal aus ehrlicher Neugier entstanden sind.
Das erscheint mir als einer der stillsten Verluste des Erwachsenwerdens.
Nicht, dass wir älter werden.
Sondern dass wir aufhören, die Welt mit staunenden Augen zu betrachten.
Wir ersetzen das Wunder durch Gewohnheit. Wir tauschen Neugier gegen Sicherheit und lernen, Antworten zu geben, statt Fragen zu stellen.
Dabei beginnt jedes wirkliche Verstehen mit einer Frage.
Kinder wissen das noch.
Sie haben keine Angst davor, etwas nicht zu wissen. Sie schämen sich nicht für ihre Neugier. Sie fragen, weil ihr Herz verstehen möchte und nicht, weil sie klug erscheinen wollen.
Ich wünsche mir, dass meine Tochter sich genau das bewahren kann.
Nicht nur ihre Fantasie.
Sondern den Mut, Fragen zu stellen, auch wenn niemand eine Antwort hat.
Den Mut, die Welt mit eigenen Augen zu sehen.
Den Mut, sich über einen Sonnenstrahl genauso ehrlich zu freuen wie über eine Pfütze, einen Käfer, eine Wolke, den Regen und den WInd.
Ich weiß, dass sie erwachsen werden wird.
Ich weiß, dass die Schule, das Leben und die Gesellschaft ihre Spuren hinterlassen werden.
Das gehört zum Leben.
Und doch hoffe ich, dass tief in ihrer Seele etwas von diesem Kind erhalten bleibt, das auch in mir noch lebt.
Nicht die Unwissenheit.
Sondern das Staunen.
Denn vielleicht ist Staunen die reinste Form von Intelligenz.
Es entsteht dort, wo ein Mensch der Welt nicht mit fertigen Antworten begegnet, sondern mit einem offenen Herzen.
Ich werde wohl nie alle ihre Gedanken aufschreiben können, was mir aufrichtig leid tut, denn diese besondere Zeit kommt in dieser Form nie wieder.
Aber vielleicht besteht ihre Aufgabe nicht darin, auf Papier festgehalten zu werden.
Vielleicht sind sie dafür da, mich jeden Tag daran zu erinnern, wie die Welt einmal ausgesehen hat, bevor wir Erwachsenen gelernt haben, sie für selbstverständlich zu halten.
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